Innenraumgestaltung der Evangelischen Kirche in Lorsch, 2001

In der Neugotischen Kirche aus dem Jahre 1869 wurden nach deren gründlicher
Renovierung Decken und Wände neu gestaltet. Die Aufgabenstellung bestand darin, den historischen Kirchenraum der Kirche und deren Anbau aus dem Jahre 1956 farblich harmonisch miteinander zu verbinden.

Wände und Empore wurden zunächst in dezentem Grau angelegt. Lediglich der Chorraum hebt sich farblich durch seinen warmen erdigen Terrakotta Farbton ab. Die graue Wandfarbe neutralisiert die Wände und steigert die dezente Farbigkeit der Decke. Der Orgelprospekt wurde in Abstimmung mit den Sitzbezügen der Stühle blau gefasst.

Der Geometrie der Kassettendecke folgend steigert sich die Farbentwicklung bis – bei genauerem Hinsehen – ein sich vom Eingang bis zum Altarraum in zarten Gelbtönen gehaltenes Kreuz zu erkennen ist. Dessen Achse ist auf der linken Seite so verlängert, das sie sich durch den Anbau erstreckt und diesen so einbindet.

Die gelben Farbtöne symbolisieren das „Licht Gottes“. Sie stehen für Erkenntnis, Erleuchtung und Wärme. Gelb schafft damit eine Öffnung nach oben, zu Gott hin und führt gleichzeitig zum Chorraum, dem eigentlichen Mittelpunkt der Liturgie – hin. Die ganze Fläche – auch in den Bereichen, wo auf den ersten Blick die Graufärbung im Vordergrund zu stehen scheint – ist von diesem Licht angestrahlt. Grau ist so zu sagen „in das Licht eingebettet“. Es bildet nicht etwa dessen Gegenpol, sondern dessen Ergänzung. So wie auch Leben und Tod, Freude und Schmerzen zwei Seiten derselben Wirklichkeit darstellen. Im Chorraum setzt sich die Farbigkeit des Kirchenschiffs fort, läuft dann aber in einem bewegten blauen Himmel aus. Wobei der Malerei ganz klar der vorgegebenen Architektur folgt.



Eine Lebenslinie mit Symbolen von der Geburt bis zum Tode hin begleitet die gesamte Deckengestaltung. Die Linie beginnt am Eingang des Nebenraumes, verläuft quer über die Decke zum Kirchenschiff und endet im Chorraum.

Vier mit Ätzpaste großflächig von beiden Seiten bearbeitete Glaswände schaffen eine Abtrennungsmöglichkeit von historischem Kirchenraum und Anbau.



Alle Fensterumrandungen wurden mit einer abstrahierten modernen Quadermalerei versehen. Diese entwickelt sich teils aus geometrischen Quadern im Chorraum, löst sich freier werdend, nur noch zitathaft wahrnehmbar schließlich im Kirchenschiff auf. Die vier theologischen Farben, die Farben der Paramente sind hier eingebaut. Bunte Linien betonen die Umrandung, stellenweise folgen sie den baulichen Vorgaben, fassen die Fenster ein, akzentuieren sie, stellenweise lösen sie sich modern interpretiert auf.

Auch die historischen Fenster und der Chorbogen wurden mit dieser Quadermalerei versehen. Farbflächen aus warmen und kalten Grautönen und Terrakotta überlagern sich und huldigen der Anmut traditioneller Quadermalerei. Die neugotischen Ausmalungen von 1869 wurden aufgenommen und durch eine zeitgemäße Form- und Farbabstraktion verstärkt und neu interpretiert. So sieht man vereinzelt den deutlich strukturierenden Pinselduktus, teils ist dieser nur aufgehaucht. Dadurch erhält die Architektur ihr historisches Gestaltungskonzept zurück. Zeitgemäße gestalterische Wege werden mit historischen Stilzitaten verbunden, wodurch auch die Raumaussage neu interpretiert wird. Das neutrale Grau steigert die Wirkung der Deckenfarbflächen. Kontrastierende geometrische Formen und organisch bewegte Farben werden zusammengebracht und in eine Harmonie verwandelt.

Es entsteht ein sinnlicher, meditativer Gottesdienstraum, dessen Farbgestaltung
in einem blauen Balken seinen für den Künstler charakteristischen Schlussstrich findet.

(Fotos: Horst Goebel, Görsroth)